Die Ausgangslage
Bauunternehmen sind die unsichtbaren Helden jeder Stadt. Sie reißen Wände raus, ziehen Trockenbau hoch, planen Sanierungen, sind seit Jahren am Markt und bekommen ihre Kunden trotzdem fast ausschließlich über Mundpropaganda. So war es auch bei Can-Bau, einem etablierten Bauunternehmen aus Hannover, das wir seit Anfang 2026 betreuen.
Das Problem war nicht die Qualität der Arbeit. Die Arbeit ist erstklassig. Das Problem war: online existierte das Unternehmen quasi nicht. Keine Website, kein Google Business Profile, ein verwaister Instagram-Account mit fünf Posts aus 2022. Wenn jemand „Bauunternehmen Hannover" googelte, tauchte Can-Bau nicht auf, obwohl die Firma laufende Großbaustellen im Stadtgebiet hatte.
Gleichzeitig war der Inhaber überzeugt, dass „Social Media nichts für Handwerker sei". Eine Annahme, die wir respektvoll aber komplett widerlegt haben.
Unsere Hypothese
Die Algorithmen von TikTok und Instagram belohnen aktuell drei Dinge mit Reichweite: echte Menschen, ungeschönte Realität und visuell starke Räume. Eine Baustelle erfüllt zufällig alle drei Kriterien. Halbfertige Wände, abgerissene Decken, Staub, Werkzeug, der Moment in dem aus Chaos ein Wohnzimmer wird, das ist visuelles Catnip.
Unsere Hypothese: Wenn wir die Realität der Baustelle dokumentieren und nicht hochglanzpoliert verkaufen, gewinnt das gegen jede klassische Bau-Werbung. Und Bauanfragen werden nicht von Algorithmen vergeben, sondern von Menschen, die sehen wollen, wem sie ihr Zuhause anvertrauen.
Was wir konkret gemacht haben
1. Strategie & Positionierung
Wir haben in einem halbtägigen Workshop die Positionierung neu geschnitten. Weg vom austauschbaren „Bauunternehmen für alle Gewerke", hin zu einer klaren Erzählhaltung: „Wir zeigen euch, wie aus Rohbau ein Zuhause wird." Das ist nicht nur ein Slogan, sondern eine inhaltliche Leitlinie für jeden einzelnen Post.
2. Content-Produktion auf der Baustelle
Statt einmal pro Quartal ein Werbevideo zu drehen, sind wir alle zwei Wochen auf einer Baustelle. Mit der Sony A7M III, Stativ, einem Rode-Mikro und manchmal nur dem iPhone. Wir dokumentieren echte Bauphasen, lassen den Inhaber sprechen, lassen die Gesellen erklären was sie tun. Kein Drehbuch, kein Schauspiel.
Pro Drehtag entstehen typischerweise:
- 3 bis 5 fertige Reels/TikToks à 30 bis 60 Sekunden
- 1 längeres „Tour-Video" durch die Baustelle (90 bis 120 Sekunden)
- 20 bis 30 statische Bilder für Instagram-Feed, Story-Templates und Website
- Material für künftige Wiederverwendung (Off-Voice, B-Roll, Sound-Bites)
3. Veröffentlichung & Community Management
Drei Posts pro Woche auf TikTok, drei auf Instagram. Stories täglich, oft direkt vom Baustellen-Smartphone. Kommentare beantworten wir noch am selben Tag, denn die meisten Anfragen kommen über die DMs, nicht über die offizielle Kontakt-E-Mail. Wir routen sie über ein einfaches Sheet an den Inhaber zur Nachbearbeitung.
4. Lokales SEO & Google Business Profile
Parallel zu den Inhalten haben wir das Google Business Profile aufgesetzt, mit Adresse, Öffnungszeiten, allen Service-Kategorien, Fotos und einem Bewertungslink den der Inhaber jetzt nach jedem Projekt verschickt. Das ist der unauffälligste, aber stärkste lokale SEO-Hebel, den ein Handwerksbetrieb hat.
Was bisher passiert ist
Wichtiger als jede Zahl: Der Inhaber sagt mittlerweile selbst, dass neue Kunden ihn bei Anrufen mit „Ich habe euer Video gesehen, wo ihr die Wand in der Südstadt rausgerissen habt" begrüßen. Das ist der Punkt, an dem Marketing aufhört Theorie zu sein.
Ich dachte, Social Media ist Spielzeug für Influencer. Heute ruft mich Sonntag morgens ein Bauherr an, weil er unser Reel gesehen hat. Das hätte ich vor einem Jahr für unmöglich gehalten.
Was wir gelernt haben
Drei Erkenntnisse aus dem Projekt, die für jeden anderen Handwerksbetrieb übertragbar sind:
- Authentizität schlägt Produktionswert. Ein verwackeltes iPhone-Reel mit dem echten Gesellen, der mit Bauschaum kämpft, performt besser als jeder durchchoreografierte 4K-Spot.
- Konsistenz ist wichtiger als Perfektion. Drei Posts pro Woche über sechs Monate schlagen einen viralen Hit gefolgt von vier Wochen Funkstille.
- Mund-zu-Mund-Empfehlung skaliert nicht. Social Media schon. Mundpropaganda erreicht 50 Personen. Ein gutes TikTok erreicht 50.000.
Was als Nächstes kommt
Für die zweite Hälfte 2026 planen wir mit Can-Bau:
- Eine eigene Website (aktuell läuft alles über die Social-Profile)
- Performance-Ads auf Meta & TikTok mit Geo-Targeting Hannover plus 50 km Umkreis
- Eine Mini-Serie über die Sanierung eines Altbauhauses (10 Folgen, ein Bauprojekt von der Entkernung bis zur Übergabe)
- Aufbau einer kleinen Recruiting-Kampagne, weil das nächste Wachstumsproblem nicht Kunden sind, sondern qualifizierte Mitarbeiter
Wenn du im Handwerk arbeitest oder einen Betrieb hast, der online unsichtbar ist obwohl die Arbeit erstklassig ist, dann ist dieser Case ein realistischer Fahrplan dafür, wie das schrittweise zu ändern ist. Du musst nicht alles auf einmal angehen, aber du musst irgendwann anfangen.
